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Gott hat mir ein zweites Leben gegeben


Ein Überlebender des Völkermords in Ruanda erzählte, wie man lernt zu vergeben. Rund 20 Zuhörer waren zu dem offenen Abend mit Musik in die Ruhlaer Winkelkirche gekommen.

Ruhla. Der heute 33 Jahre alte Japhet Dufitumukiza hat als 13jähriger die Ermordung seiner Familie 1994 in Ruanda erleiden müssen. Seit 8 Jahren lebt er in Deutschland und hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, von seinem langen Weg der Aufarbeitung seiner traumatischen Erlebnisse bis hin zur Versöhnung mit den Mördern seiner Angehörigen zu erzählen und auf diese Weise Zeugnis davon zu geben, dass und wie Versöhnung möglich ist. Ein Auftritt im Fernsehen gab die Anregung dazu, den Augenzeugen auch nach Ruhla einzuladen, schließlich unterstützt der Eine-Welt-Kreis Erb­strom­tal ein Kinder- und Jugendprojekt des ruandischen Vereins EPIC.
Er wolle kein Mitleid, nein, das betonte er in seinen Ausführungen in fast fehlerfreiem Deutsch. Er sei verheiratet und habe zwei Kinder, erzählte der Afrikaner, der in Mainz als Energieelektriker arbeitet und die Meisterschule besucht. Vor allem aber sei er Christ. Das betonte auch sein Begleiter der Südafrikaner Hannes Augustus den er auf einer Schule in Deutschland kennenlernte. Beide sorgten an diesem Abend auch für Zwischenmusik auf Gitarre und Trommel und sangen unter anderem vom Löwen Juda, dessen Brüllen heile, versöhne und Frieden schaffe.
Bevor der Gast zum Thema sprach, gab der evangelische Pfarrer Gerhard Reuther einige Hintergrund­informationen zum Land ohne zu vergessen darauf hinzuweisen, dass aus der Geschichte her ähnliches Unrecht in dem ehemaligen Jugoslawien, Kambodscha, Vietnam geschehen ist. Und auch in der Türkei die Ermordung der armenischen Volksgruppe sei bis heute nicht aufgearbeitet. Unter anderem klärte er auf, dass die vermeintlichen ethnischen Volksgruppen wie Tutsi, Hutu und Twa eigentlich künstlich durch die Kolonialmacht Belgien verursacht wurden. Sie führten eine Einteilung der Bevölkerung nach rassischen Gesichtspunkten durch. Demnach wären die Tutsis eine besser gestellte Minderheit, die Hutus die Masse und die Twa standesgemäß die „unterste Gruppe Mensch“.
Als der kleine Japhet zur Schule kam, habe er nicht gewusst, dass er ein Tutsi sei, schließlich nannten sich seine Mitschüler Hutu. Also wollte er auch Hutu sein. Im Allgemeinen wollten die Menschen aber darauf nicht angesprochen werden, erklärte der Pfarre, der bereits viermal in Ruanda gewesen ist. Man sei ein Volk, aber das war vorbei, als die Männer mit Macheten kamen und seine Brüder umbrachten. Es waren Nachbarn, mit denen man das Salz teilte, sagte er, wenn dieser es auf dem Markt vergessen habe zu kaufen. Noch heute sehe er die Frau vor sich, der sein ältester Bruder in seiner Nachbarschaft ein Grundstück vermittelte. Sie habe die Mörder darauf aufmerksam gemacht, dass in dem Haus in dem bereits zwei seiner Brüder umgebracht worden sind, noch ein Dritter wohne. Als auch dem Rest der Familie Lebensgefahr drohte, sei er mit dem Vater und weiteren Geschwistern in einen Busch geflüchtet wo sich eigentlich Leoparden aufhielten. Aber vor ihnen hatte man zu dieser Zeit weniger Angst, als vor den Menschen. Wie könne ein Nachbar von jetzt auf gleich zum Feind werden, diese Frage stellt sich für ihn noch heute. In den Kongo konnte er mit Vater und Bruder flüchten, erzählte er und merkte, wie gespannt die Zuhörer an seinen schmalen Lippen hingen. Die Augen des großen schlanken Mannes mit der ebenmäßigen dunklen Hautfarbe wirkten während des Berichtes oft abwesend. Als er es zu bemerken schien, schluckte er und verzog sein Mund zu einem Lächeln. Er wollte kein Mitleid, aber die Menschen informieren. Auch darüber, dass er heute wieder lachen könne und an Gott glauben. Denn eigentlich hatten Rachegefühle schon Oberhand genommen, damals, als er zum Mann heranwuchs. Aber es kam die Zeit, als ein Freund ihn wieder mit zur Kirche nahm. Dort hörte er Vers 17 aus dem Psalm 118, der sein Leben, sein Verlangen nach Vergeltung veränderte: „Ich werde nicht sterben, sondern leben und des Herrn Werke verkünden“. Diese Worte hätten ihn wie ein Blitz getroffen, denn er war noch am Leben und erkannte seine Aufgabe: „Du musst auf das Recht nach Rache verzichten“. Viele könnten das in Ruanda nach wie vor nicht. Deshalb sei es wichtig, einen Anfang zu machen. Das Projekt, dass die Ruhlaer Kirchgemeinde unterstützt sei eines davon.


Text und Bild: Susanne Reinhardt