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Aufgegabelt – Christenclub Europa?


Wenn die EU beweisen wolle, daß sie kein „Christenclub“ sei, müsse sie die Türkei aufnehmen – der türkische Ministerpräsident Erdogan wird nicht müde, dies so oder ähnlich immer wieder zu formulieren.
Doch dann stellt sich für mich als Christ schon die Frage, warum Europa beweisen soll, etwas nicht zu sein, worauf es stolz sein darf, das genau das ist: ein Christenclub?

So formulierte es auch die Landesbischöfin von Hannover, Margot Käßmann:
„Europa ist im positiven Sinn ein ‚Christenclub‘... Wir sollten vielleicht ein Plakat oder ein T-Shirt entwerfen mit der Aufschrift ‚Ich bin Mitglied im Christenclub‘. Ich würde es tragen.“
Denn der Geist von Europa sei geprägt von den Erfahrungen und Werten des christlichen Glaubens - „von Nächstenliebe, den Zehn Geboten, von Gleichheit und Freiheit.“

Oder, um es salopp zu formulieren: Wo Europa draufsteht, da ist Christentum drin.

Vom christlichen Europa zu reden, ist heute keine Selbstverständlichkeit mehr. Eher das Gegenteil scheint der Fall zu sein. Ein Gottesbezug in der EU-Verfassung wurde abgelehnt, dezidiert christliche Politiker stehen im Verdacht, nicht für alle Bürger Politik machen zu wollen. In den norditalienischen Alpen wurde auf einem Berg eine Buddha-Statue aufgestellt, verbunden mit der Forderung, alle Gipfelkreuze zu entfernen – skurril, aber bezeichnend.

Auffallend ist, wie geschichtslos die Diskussionen oft geführt werden; als wäre Europa im 20. Jahrhundert aus dem Nichts erschaffen worden. Unsinnig auch der Vorwurf, ein Europa, das sich auf seine christlichen Wurzeln beruft, sei ein intolerantes, ausgrenzendes Europa. Das Gegenteil ist richtig: Eine funktionierende Demokratie darf sich nicht von ihrem moralischen Fundament lösen, sonst droht sie in eine Gesellschaft der Intoleranz umzukippen. Wenn alles gleich gültig ist, dann ist irgendwann auch alles gleichgültig.

(aus dem Gemeindeblatt der Remigius-Kirche in Bonn, Februar 2006)