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Für ein Leben nach dem Massaker


Glaube und Heimat  09.03.2008

Für ein Leben nach dem Massaker
 

Ein Pfarrer-Ehepaar will 440 000 Euro für ein Kinder- und Jugendzentrum in Ruanda sammeln

Eine Kirche voller Schädel. Manche haben Löcher und Risse, einige sind zerschmettert oder in ihnen steckt eine Mordwaffe. In einer anderen Kirche zeigt ein Strich auf dem Altartuch in einem halben Meter Höhe den Stand des Blutes nach dem Mord an zehntausend Tutsis. In Bergen lagen die Leichen übereinander - heute gibt es noch Berge von Knochen und Habseligkeiten der Ermordeten. Dazu ein verschlossener Sarg, der eine besonders grausame Geschichte erzählt. Eine hübsche Frau war den Tätern aufgefallen. Sie wurde massenhaft vergewaltigt, dann trieb man ihr einen Pfahl in den Unterleib und begrub sie mit ihrem Baby bei lebendigem Leib.


 
Ehepaar Reuther mit den Planungsunterlagen für das Kinder- und Jugend- zentrum                                                                         Foto: Susanne Sobko

 

Die Kirchen sind Gedenkstätten. Tausende Menschen hatten sich hier sicher gewähnt, bis die Mörderbanden eingedrungen waren. Egal ob Baby oder Greis - mit Maschinengewehren, Macheten, Keulen und Werkzeugen wurden die Flüchtlinge niedergemeuchelt.
Andrea und Gerhard Reuther aus Ruhla können das Grauen beim Besuch der Gedenkstätten kaum ertragen. Beiden kommen die Tränen vor Zorn, Schmerz und Fassungslosigkeit. Ein junger Mann führt sie herum und offenbart sich als Überlebender der Kirchen-Massaker. Er war unter Leichen begraben und deshalb verschont geblieben. Gerhard Reuther fragt, warum er freiwillig an diesen Ort zurückkehrt. »Wir leben von der Vergebung. Und wir müssen erzählen, was geschah, damit es sich nicht wiederholt«, so die Antwort.
Dieser Mann bestärkt das Pfarrer-Ehepaar im Vorhaben, den Menschen zuhelfen. Mit der Aktion »1-2-Hilfe« soll im Nordosten Ruandas ein Kinder- und Jugendzentrum gebaut werden. Der Verein ASSIST will damit den jungen Menschen helfen, die unter den Spätfolgen des Gemetzels leiden. Zum Beispiel durch Bildung, Berufsförderung und Aufklärung, Bibliotheks- und Internetzugang, Informationen sowie Freizeitangeboten wie Sport, Musik, Tanz und Theater.
Das Konzept wurde von den Menschen vor Ort entwickelt und die Reuthers glauben fest an die Zukunftsfähigkeit. So haben sie bei ihrem Besuch erlebt, wie der Verein Jugendliche befähigt, Kleidung zu schneidern oder Seife zu sieden. Ziegenzucht, Kerzenproduktion und Honigbereitung sind weitere Vorhaben.
Mit ihrem Wissen sollen die jungen Menschen in die Heimatregion zurück, um es weiterzugeben und davon zu leben. »So zieht das Engagement immer weitere Kreise«, lobt der Pfarrer. Er ist überzeugt von der Seriosität der Partner, und seine Frau schwärmt von deren Idealismus.
Junge Menschen wurden als Zielgruppe ausgewählt, da es seit dem Massaker Tausende Waisen gibt. Sie leben in Kinderfamilien, die von den ältesten Geschwistern geleitet werden. Wie im Fall von Alice, die zwei Brüder und eine Cousine betreut. Mit fünf Jahren musste sie zusehen, wie ihre Verwandten ermordet wurden.. Soldaten hatten sie mehrfach vergewaltigt, bis sie mit anderen Kindern in den Sümpfen Zuflucht fand. Sie wirkte auf die deutschen Besucher noch immer traumatisiert und beeindruckte sie gleichzeitig mit ihrem Willen, einen Schulabschluss zu schaffen. Bildung ist das größte Defizit in den Kinderfamilien, denn sie haben meist kein festes Einkommen, und der Schulbesuch kostet Geld.
Über die Jugendlichen hinaus soll das Projekt auf alle Bewohner der Region positiv wirken. Schließlich geht es auch darum, Vorurteile abzubauen, denn noch ist das rassistische Denken verbreitet. Fast jeder Ruander ist von dem Massaker betroffen - egal ob als Opfer oder Täter. Die Aufarbeitung ist schmerzlich und dauert Jahrzehnte.
Die Spenden sind nur als Anschubfinanzierung für das Projekt geplant. Später soll es sich durch Nutzungsgebühren und Mieten sowie Einnahmeneiner Gaststätte selbst tragen. Optimistisch stimmt den Ruhlaer Pfarrer der Wille zur Vergebung trotz der schrecklichen Vergangenheit. Sein Appell: »Diese Menschen brauchen uns, damit sie uns eines Tages nicht mehr brauchen.«
 

Einstige Monarchie
Ruanda war eine Monarchie, die sich auf den Adel der Tutsi stützte, während die einfache Bevölkerung aus Hutu bestand. Nach der Unabhängigkeit von den belgischen Kolonialisten begann die Diskriminierung der Tutsis durch die Hutus, die im Massaker von 1994 gipfelte, bei dem etwa eine Million Menschen zu Tode kam. Gerhard Reuther glaubt, dass der Konflikt von den Belgiern und den Franzosen geschürt wurde. Die anfängliche Tatenlosigkeit der Weltgemeinschaft sieht er darin begründet, dass es in dem Land keine Bodenschätze oder sonstige Reichtümer zu holen gibt.

 

Das Projekt
Der ruandische Verein ASSIST will ein Kinder- und Jugendzentrum in der Stadt Nyagatare bauen. Der Ökumenische 1-Welt-Kreis aus dem Erbstromtal unter Leitung des Pfarrers Gerhard Reuther hat das Projekt »1-2-Hilfe« gestartet, um die Kosten von 440 000 Euro mit zu decken. Prominente Mitstreiter sind der frühere Ministerpräsident Bernhard Vogel sowie der CDU-Landtagsabgeordnete Gustav Bergemann. Mit den ersten Spenden wird bereits eine Bibliothek gebaut. Das Spendengeld läuft zu 100 Prozent in das Projekt, da keine Verwaltungskosten entstehen. Außerdem werden Patenschaften für ruandische Kinder vermittelt. Kontakt: Ev. Pfarramt Ruhla, Telefon (036929)62137


Susanne Sobko

Glaube und Heimat, 09.03.2008



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