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Mit Spenden aus Ruhla ist in Ruanda eine kleine Bibliothek
für Kriegskinder gebaut worden


Thüringer Allgemeine  24.03.2009

Mit Spenden aus Ruhla ist in Ruanda eine kleine Bibliothek für Kriegskinder gebaut worden

Menschen aus den Orten im Erbstromtal unterstützen seit einigen Jahren Aidswaisen und Kriegsopfer in Afrika. Das Geld kommt an. Eine bescheidene Bücherei ist fertig. Selbst ein paar Ziegen können Zukunft bedeuten.

RUHLA. Prompt hat sich Gerhard Reuther eine Erkältung eingefangen. Der evangelische Pfarrer von Ruhla war vor kurzem zwei Wochen in Ruanda, wo sich von April bis Juli 1994 der grässliche Völkermord an den Tutsi ereignet hatte. Schätzungen sprechen von 800 000 Toten, womöglich mehr. Die Rückkehr in die europäische Kälte hat Reuthers Körper strapaziert. Innerlich jedoch ist er froh - man merkt es ihm an. Schon in seiner Pfarrerzeit in Stendal bemühte sich Reuther um die Afrikahilfe.


 
FORTSCHRITT: Das Gebäude der Bücher­ei im Jugendzentrum Nyagatare. Innen stehen Bücherregale und Lesebänke.

Was er nun bei seiner „Kontrollreise“ nach Ruanda erfuhr, sollte die Arbeit des von ihm mitbegründeten Eine-Welt-Kreises Erbstromtal bestärken.

Im Norden des Landes, in der Provinz Gahunga, besuchte Reuther eine Kinderfamilie. Vater und Mutter seien vor sechs Jahren beide gestorben. Aids. Seither kümmert die älteste Tochter sich um ihre fünf Geschwister. Sie heißt Speciose, ist 22 Jahre. „Mit einem Wort: Eine tapfere junge Frau, die sehen muss, wie sie ihre Brüder und Schwestern so durchbekommt.“ Reuther hat mit ihr geredet, sah die ärmliche Hütte aus Lehm und Wellblech. „Manchmal müssen sie entscheiden: Schulgeld oder Essen?“ Ihr kleines Feld, eher ein Gemüsegarten, trägt nicht ausreichend Kartoffeln und Maniok.

Bei der Ruanda-Hilfe arbeiten die Ruhlaer nicht mit einer großen Organisation zusammen. Ihr Partner ist der ruandische Verein „Assist“. Von dessen Arbeit und Konzept ist Reuther eher überzeugt. „Assist“ habe von dem Schicksal von Speciose erfahren. Spendengelder wurverwendet, um ein paar Ziegen zu kaufen. Seither haben Speciose und ihre Geschwister Milch. Für sich selbst. Zum Weiterverkaufen. „Es ist unglaublich, welche kleinen Dinge einen winzigen Wohlstand bedeuten können“, so Reuther.

Hauptgrund seiner Reise war jedoch das Kinder- und Jugendzentrum in der Stadt Nyagatare. 2007 war schon einmal eine Delegation aus Ruhla dort. Damals sah sie ein unbebautes Grundstück und einen Grundstein, den ein Minister gelegt hatte. Zwei Jahre lang stockten die Arbeiten, weil „Assist“ die Mittel fehlten. Annähernd 40 000 Euro haben die Ruhlaer selbst an Spenden gesammelt oder durch kluge Fördermittelbeantragungen zusammengebracht. Das Geld hat dem KJZ einen neuen Impuls gegeben. Die 2007 gemeinsam von „Assist“ und europäischen Freunden beschlossene Bibliothek steht. „Bald kommt auch der Stromanschluss.“ Sogar vier Computerarbeitsplätze seien geplant. Die Bücherausstattung bestehe bisher aus Geschenken. Naja, nicht immer passend. „Konsalik braucht dort wirklich keiner“, so Reuther. Ein örtlicher Sozialarbeiter hat jetzt den Auftrag, zweckmäßige Titel für eine Bücherliste zusammenzustellen. Literatur zur sexuellen Aufklärung wäre wichtig.

Bei seinem Informationsbesuch vom 17. Februar bis 2. März war Reuther auch beteiligt an der Entscheidung über das nächste Bauvorhaben in Nyagatare. So wolle sich der Eine-Welt-Kreis Erbstromtal konzentrieren auf Spenden für ein Gebäude, das man als kleine Berufsschule bezeichnen könnte. Die Grundmauern sind schon erkennbar. Es soll fünf Klassenräume für praktische Ausbildung haben. Der Verein „Assist“ wolle die benachteiligten Mädchen und Jungen befähigen, mit eigener Arbeit durchs Leben zu kommen: Tischler, Metallbauer, Gärtner - das seien Berufe, an die gedacht ist. „Da versteht jeder sofort, wie wichtig das ist“, meint Reuther. Hinzu kommen Fertigkeiten für die Herstellung einfacher Haushaltswaren: Kerzen, Reinigungsmittel, Strickwaren, ja sogar Kreide.

30 000 Euro werden benötigt.

Sven-Uwe VÖLKER

Thüringer Allgemeine, 24.03.2009



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